zurück

Kraniche im Wicki

 

Die Sage von der Kranichsburg
Nach der Erzählung von Dr. W.M. Dienstbach


Im Osten des Taunus, tief  in einem Tale liegt bekanntlich das Dörflein Kransberg und hoch über dem kleinen engen Orte ragt herrschaftlich die Kranichsburg.
Vor vielen, sechs, oder sieben Jahrhunderten, lebte dort ein tapferer Ritter. Dieser hatte ein, natürlich bezauberndes Töchterlein, welches so lieb und gut war, das es jeder liebte, so auch der junge Jäger.
Einmal hat er dem Edelfräulein einen flügellahm geschossenen jungen Kranich mitgebracht, welchen diese mit großem Eifer gesund pflegte. Schon bald lief das Tier seiner jungen Herrin wie ein treues Hündlein hinterher. Wohin diese auch ging, ob in die Hütten des Dorfes um Not zu lindern, ob hinauf zur Kapelle im Wald, immer und überall bot sich allen ein entzückendes Bild. Das hübsche Burgfräulein mit dem jungen Kranich.
Dann kam für Deutschland die schwere Zeit des Hunneneinfalls. Diese plünderten und hausten auch bald gar schlimm in der Wetterau, brannten die Häuser und Hütten nieder, erschlugen die Menschen und kamen so in die Wälder im Osten von Kransberg.

Als die Ritterstochter wieder einmal träumend durch die Wälder schlenderte, traf sie unverhofft auf des Hunnenkönigs jungen Sohn, welcher mit seiner Horde in der Gegend lagerte.
Dieser war so verzaubert von ihrem Liebreiz, das er sie bis zur Burg verfolgte. Sogleich trat er stolz, voller Glück vor des Burgfräuleins Vater, um die Hand der jungen Schönen zu fordern.

Sollte ihm dies verwehrt  werden, drohte er, dass die Hunnen die Burg einnehmen und alle ihre Bewohner töten würden. Der alte ehrwürdige Ritter war entsetzt:" Lieber sterben wir alle, als dass dein Heidenmund zu ihr von Liebe spricht" Zornig und enttäuscht verließ der wilde Hunne darauf den Hof.

Am nächsten Tag aber war das ganze Tal, die umliegenden Wälder, die gesamte Burg von Kriegslärm umzingelt. Die Burg war umschlossen. Der Ritter verteidigte sich und seine Lieben mir all seiner Kraft, unterlag aber nach einiger Zeit der allzu großen Übermacht. Die Hunnen überstiegen die Mauern und fielen in den Burghof ein, bis alle Knappen und Knechte der Burg gefallen waren, sofern sie nicht vorher geflohen sind. Nur der Jägerbursche hielt aus, schützte Burgherr und Tochter mitsamt dem Kranich, als diese die letzte Zuflucht im Bergfried suchten Er verschloss die Turmtüre und verteidigte sie mit seinem Leben.

Die Hunnen aber schlugen die Türe ein, überrannten den Jäger und stürmten die Turmtreppe hinauf. Inzwischen waren Vater und Tochter zusammen mit dem Kraniche nach oben geflüchtet. Der greise Vater, umschlang seine Tochter unter Tränen als er die Schläge  von unten vernahm und das Holz splittern hörte sprang er mit ihr vom hohen Burgfried.

Der Kranich aber begleitete den Todessturz im Fluge und bedeckte dann schützend den Körper des toten Edelfräuleins.

Als der Sohn des Hunnenkönigs ihn vertreiben wollte, traf ihn plötzlich ein Pfeil mitten in den Hals so dass er röchelnd zusammenbrach und langsam starb. Der Jägerbursche war am Turm zwar schwer verletzt nieder gebrochen, konnte sich jedoch von den Hunnen unbemerkt, schwer verletzt aufrichten und den Todespfeil absenden.

Die Hunnen ergriff mit einem Mal die Furcht, als einer von ihnen schreiend flüchtete. Sie glaubten böse Geister geweckt zu haben und stoben in alle Richtungen auseinander.

Erst als es am nächsten morgen zu Tagen begann, trauten sie sich wieder vorsichtig in die Burg, hoben die Schätze und nahmen ihre Toten mit in den Wald in ihr Lager. Noch heute kann man die Hügel ihrer Gräber entdecken. Wenn du willst, zeige ich dir das Grab des unglücklichen Königssohns.

Die wenigen Bewohner  aus dem kleinen Dorfe unterhalb der Burg, welchen die Flucht gelungen war, kehrten später zögernd wieder, sammelten ihre Toten und alles Brauchbare was die Hunnen übrig gelassen haben. Die armen Leute beerdigten dann ihre Verstorbenen und gingen in die benachbarten Dörfer, welche nicht durch die Hunnen geschleift worden waren. Der fast tote Jägerbursche wurde gefunden, zur Holzburg gebracht und dort aufs Krankenlager gelegt.

Burg, Dorf und Wald lagen nun für lange Zeit verlassen da. Nur noch der Kranich blieb dort, saß oft auf dem Turm und hielt scheinbar nach der Ritterstochter Ausschau. Jeder, der durch die Gegend streifte, fand jahrelang nur den Kranich vor.

In dieser verlassenen Zeit bekam die Burg ihren Namen:“ Kranichsburg“

Als der Jägerbursche auf der Holzburg wieder zu Kräften gekommen war, verließ auch er die Gegend seines Leidens und ging in den Dienst des Kaisers und bekämpfte leidenschaftlich die räuberischen Hunnen, um sie für immer aus seiner Heimat zu verbannen. Als stattlicher Kriegsmann zog er mit dem Kaiser bis Italien und kam zu Ruhm und Ehre. Als er nun zum Ritter geschlagen wurde, erbat er sich das Land um die alte Burg als Lohn für seine großen Verdienste.

So kehrte er nach vielen Jahren zurück und nannte nun die Burg sein Eigen, welche inzwischen  schon ganz verfallen war. Nur der Burgfried stand noch stattlich da.

Als nur der Ritter den Turm erstieg um sein neues Reich zu betrachten und an seine große Liebe zu der Ritterstochter zu denken, da saß ein arg mitgenommener alter Kranich in der Ecke. Er war sehr schwach, richtete sich aber beim Klang der Stimme auf, als habe er jenen wieder erkannt, der ihn in jungen Jahren oft liebkoste, trat einen Schritt vor und fiel tot vor dem einstigen Jägerburschen nieder.

Der neue Ritter hat den Vogel niemals vergessen.

Allmählich richtete er die Burg wieder auf und schon bald kamen Menschen in das Dorf zurück, um unter dem Schutz der Burg zu leben. Nach und nach wurde  Alles wieder hergestellt, genauso wie vorher oder auch ganz anders.

Eines aber haben sie nie vergessen, - die Treue des Kranichs.

Die Nachkommen des Ritters trugen mit stolz den Vogel in ihrem Wappen und die Kransberger tun dies noch heute.

Wenn du willst kannst du  das Wappen an vielen Ecken im Orte entdecken, am eisernen Burgtor aber, findet man es  seit vielen hundert Jahren!